Antonie Deusser-Stiftung: Die Deusser Gespräche
Konzept Dorothea Strauss
Einleitung
Der Stiftungsrat hat mich eingeladen, über ein Konzept für eine Würdigung von August Deusser nachzudenken.
Mein Auftrag lautete, ein Ausstellungskonzept zu entwickeln und genau das wollte ich auch. Mit dieser Aufgabenstellung bin ich an die Recherche gegangen. Zur Verfügung stand mir anfangs dabei das Buch “Leben und Werk” über August Deusser, zudem das Ausstellungskonzept, das Professor Paolo Bianchi mit seinen Kollegen und Studenten erstellt hatte. Ausserdem fand ich weitere hilfreiche Literatur bei mir zuhause oder in der Bibliothek.
Nun ist es anders gekommen und ich habe mich entschieden, kein Ausstellungskonzept vorzustellen, sondern eine Vortragsreihe. Warum?
Es steht ausser Frage, dass August Deusser ein Maler war, der eine achtbare und hochwertige Qualität hatte. Gerade seine Werke zwischen 1908 und 1913 zeugen von einer künstlerischen Aufbruchstimmung.
Gleichzeitig zählt er nicht zu denjenigen Malern, die am Anfang des 20. Jahrhunderts genuine Kunstgeschichte geschrieben haben. F.H. Ehmke hält in seinen Lebenserinnerungen über Deusser fest: „Er (...) spürte... dass er mit dieser geglückten Steigerung optischer Natureindrücke zu höchster malerischer Sensibilität zugleich die Grenzen seines Könnens erreicht hatte und an der Bewegung, die sich anschickte, die Zeit zu erobern und für deren Propagierung er als Vorderster in der neuen Vereinigung eintrat, selber produktiv nicht mehr teilhaben konnte.“
Deussers Qualität, seine grosse und bis heute massgeblich kunsthistorische Bedeutung, erachte ich nicht in seiner Malerei, sondern in seiner Aufmerksamkeit, als Künstler, als aufmerksames Individuum, die eigene Zeit zu erkennen und zu verstehen, und vor allem aber auch zur Diskussion zu stellen: Der Künstler als Kurator, der Künstler als Kulturpolitiker, der Künstler als Seismograph – und genau dort ist die grosse historische Bedeutung von August Deusser zu finden, und in diesem Sinne hat er eindeutig Kunstgeschichte geschrieben und genau aus dieser Perspektive ist er auch zu würdigen: Diese Perspektive zielt auf den Beobachter, Seismographen und Macher August Deusser.
Selbstbildnis im grünen Rock,
1911 (Öl auf Leinwand, 65,0 x 52,5 cm), DBZ-Nr. 108
Eine Bestandsaufnahme
1) Aufbruchstimmung: 1912
1912/2012 – Vor rund hundert Jahren fand die «Internationale Kunstausstellung des Sonderbundes westdeutscher Kunstfreunde und Künstler 1912» statt, eine für das 20. und 21. Jahrhundert bahnbrechenden Ausstellung. Der Maler August Deusser, Urheber der Künstlervereinigung «Sonderbund», die 1909 gegründet worden war, zeichnete inhaltlich und kulturpolitisch massgeblich als Initiant und Motor für die fünfte und letzte Ausstellung des Sonderbundes, die 1912 in Köln realisiert wurde.
Die Sonderbundausstellung im Jahre 1912 präsentierte ein neues Ausstellungsformat: Es war die erste Ausstellung, die breit über den Ist-Zustand (Bestandsaufnahme) der mitteleuropäischen Kunstentwicklung informierte, sie war die erste konzeptionell geprägte Gruppenausstellung. Als Vorbild diente sie u.a. der ein Jahr später zum ersten Mal veranstalteten Armory Show in New York oder auch der 1955 gegründeten documenta in Kassel.
Die Bedeutung von aktueller Kunst und Kultur, aber auch ihre Bedeutung für die Gesellschaft zu erkennen, war ein zentrales Anliegen von August Deusser. Als kämpferischer Zeitgeist setzte er sich für SEINE Zeit ein. Deusser als Maler war selbst kein Avantgardist, doch er hatte den avantgardistischen Weitblick, er begriff, was die Moderne und Avantgarde bedeutet, er erfasste ihr Zukunftspotential, und zudem förderte er bereits seit 1909 die Wechselbeziehung zwischen bildender und angewandter Kunst, und dies also zehn Jahre früher, bevor Walter Gropius 1919 in Weimar das Baushaus gründete. Ohne Zweifel: Deusser war ein Visionär!
2) Hundert Jahre später: 2012
Nachdem die verschiedenen Finanzkrisen der letzten Jahre die Kunstwelt – Museen, Galerien, Kunstinstitute – stark erschüttert haben, Museen darüber nachdenken, ihre Bestände zu veräussern, Galerien geschlossen und Kulturetats überall gestrichen werden, werfen gerade Kulturpolitiker die Frage auf, dass Kulturvermittlung stärker von privater Seite getragen werden soll. Vorliegend soll eine Vortragsreihe und eine Tagung der Frage nachgehen, welche Bedeutung Kunst und Kultur für die Entwicklung einer Gesellschaft hat. Wie heissen heute die Visionen?
Deusser soll dabei im übertragenen Sinne als ein geistiger Mentor fungieren.
Unter dem Titel «Deusser-Gespräche. Zur aktuellen Situation von Kunst und Gesellschaft. Eine Bestandsaufnahme.» soll aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Sonderbundausstellung 1912 als Kooperation zwischen der Stiftung Antonie Deusser und dem Museum Haus Konstruktiv 2012 eine hochkarätig besetzte Vortragsreihe (vier Vorträge im Museum Haus Konstruktiv) mit abschliessender Tagung stattfinden.
3) Vier Vorträge
Erste Phase – In der ersten Phase sind vier (höchstens sechs) Vorträge geplant, die sich mit grundsätzlichen Fragestellungen einer aufgeschlossenen und kritikfähigen Gesellschaft beschäftigen. Es geht um eine Bestandsaufnahme unserer heutigen Gesellschaft. Die Vorträge entstehen aus der Tradition der Ringvorlesung, sie haben zum Ziel, ein breites Publikum anzusprechen. Die Vorträge werden mit Audio und Video dokumentiert, um sie später zu publizieren.
Die Vortragenden kommen aus den Bereichen Gesellschaft, Philosophie und Naturwissenschaften. Diese Vorträge sollen eine komplexe und gleichzeitig hochaktuelle Basis schaffen, von der aus dann in der zweiten Phase eine Tagung entsteht. Jeder Vortrag (45-60 Min.) wird im Vorfeld explizit mit den Vortragenden vorbereitet; im Anschluss an den Vortrag gibt es noch eine ca. 20 minütige Moderation.
Es ist geplant, namhafte Zeitungen als Medienpartner zu gewinnen, welche diese Vorträge begleiten. Vorausschickend sollen Initial-Artikel über August Deusser erscheinen, in denen Deusser als ein kulturpolitischer Wegbereiter der Moderne beleuchtet wird, ausserdem die Ausstellung des Sonderbunds 1912.
Mögliche Themen der Vorträge:
- Quantenphysik, Thema „Materie“;
- Kulturphilosophie. Aktuelle Krisensituation, Besinnung auf Gesetze, Traditionen, etc.;
- Kritikfähigkeit, Gefahren der Gleichgültigkeit und des Fatalismus;
- Kunstgeschichtlicher Kontext.
4) Tagung
Zweite Phase – Vormittags und nachmittags jeweils drei Kurzvorträge, die jeweils 30 Minuten dauern, und zwei Podien.
Mögliche Themen der Kurzvorträge und Podien:
- Verantwortung und Kunst;
- Life Style;
- Kunst und Macht.
- Podium 1 (Vormittag): „Wozu brauchen wir Kunst“, vier Gäste;
- Podium 2 (Nachmittag): „Kunst – machtvoll oder machtlos?“, fünf Gäste.
August Deusser war ein leidenschaftlicher „Kölner“. Es wäre also sehr wünschenswert, gerade in Köln – der Stadt, in der ja nun auch die Würdigung der Ausstellung des Sonderbundes von 1912 im Wallraf-Richartz-Museum stattfinden wird - einen geeigneten Ort für eine Deusser-Ausstellung zu finden. Gerne würde ich diese Aufgabe übernehmen: In Köln sollte dann eine Ausstellung realisiert/kuratiert werden, begleitet von einem Katalog, die die besten Werke von August Deusser zeigt. Als „Follow-Up“ der Vortragsreihe und der Tagung könnte man so den Künstler nachhaltig würdigen und einer breiten Öffentlichkeit, und dies sowohl historisch wie auch zeitgenössisch reflektiert, näher bringen.
Dies wäre nun mein Vorschlag. Ich bin mir sicher, dass wir mit einem solchen Konzept August Deusser hervorragend würdigen könnten.
Dorothea Strauss, Direktorin
Haus Konstruktiv
Selnaustrasse 25
CH-8001 Zürich